Wie man ein Maus zum Krokodil macht

Update 10. April 2015: Eine der betroffenen Zeitungen hat auf Bildblog Stellung genommen. Ergänzt am Ende des Artikels.

 

Bereits ist eine Woche seit dem schrecklicken Flugzeugabsturz am 24. März in Südfrankreich vergangen. Während sich hunderte Helfer vor Ort und in Labors abmühen, die Unfallstelle aufzuräumen und die Toten zu identifizieren, sucht die (gewisse) Presse verzweifelt nach neuen Fakten, welche sie als brandheisse News präsentieren kann.Jede Maus wird befragt und wenn möglich, zu einem grossen Krokodil gemacht (oder als solches präsentiert).

Ein solches Krokodil ist nun auch der Pizzabäcker, der etwa 200m vom Haus des Co-Piloten entfernt wohnt und diesen ab- und zu mit Pizza versorgte. Er wird nun als heisse Quelle für Informationen über ihn genutzt (beschrieben hier). Bildblog, ein Webseite, welche die Bild und andere Medien in Deutschland kritisch begleitet, schreibt dazu:

Derweil versuchen viele Journalisten fiebrig, auch mit Verwandten, Freunden und Kollegen des Co-Piloten Andreas L. zu sprechen, aber weil zurzeit offenbar die meisten von denen mit so albernen Dingen wie Trauern beschäftigt sind, ziehen viele Reporter durch den Heimatort des Co-Piloten und befragen halt den Pizzabäcker um die Ecke.

Aber dieser Pizzabäcker ist nur die Spitze des Eisberges, wenn es um möglichst lautmalerische krasse Schlagzeilen rund um den Flugzeugabsturz geht. Treffend titelt der Bildblog denn auch kurz nach dem Absturz "Der Absturz des Journalismus". Doch die Presse wird nicht müde, möglichst neue Sachen auszugraben und an den Pranger zu stellen. Artikel über de Kopiloten (Bildblog) oder unverpixelte Bilder der Opfer gehören ebenso zum traurigen Repertoire (Bildblog).

Für mich gibt es zwei Ursachen für diese erschreckende Medien-Kultur: Schneller zu sein und Geld.

Von http://www.sheng-fui.de

Schneller sein

Vor einigen wenigen Jahren (als ich noch ein unschuldiger Teenager war), gab es drei Informationskanäle. Radio (zu jeder vollen Stunde), Fernseher (30 min Tagesschau einmal am Tag) und dann noch die Zeitung, welche einmal am Tag erschien. Unterdessen gibt es eine Vielfalt an Möglichkeiten, selber an News zu kommen und sich ein Bild einer Sache oder eines Ereignisses zu machen. Das bedeutet aber auch, dass es schnell gehen muss, wenn man möglichst viele Newsleser erreichen will. Innert Minuten werden neue Erkenntnisse ins Internet (und nicht in den Äther) gejagt - das heisst, jemand an einem Computer muss innert weniger Sekunden entscheiden, ob etwas wirklich veröffentlicht wird - oder eben nicht. SRF beschreibt dieses Dilemma hier sehr treffend (und hier der Audiobeitrag dazu).

Doch ist schneller sein wirklich alles? Wenn ich mein eigenes Surfverhalten anschaue, so entdecke ich, dass ich wieder häufiger gute recherchierte Artikel suche und lese (zum Beispiel den hier). Denn obwohl ich ein Newsjunkie bin, fällt es mir immer schwerer, mich mit dem oben beschriebenen Sensationsjournalismus zufrieden zu geben, bzw abzufinden. Meine eigene Ethik und meine Würde ist mir zu wichtig, als dass ich mich mit solchen (happigen) Häppchen an News zufrieden gebe.

Nun könnte man sagen, dass die Medien einfach auf solche Artikel verzichten könnten, aber können sie das wirklich? Das bringt uns zum zweiten Punkt:

Geld

Weshalb ist es wichtig, dass man als erste über etwas berichtet? Die Leute lesen es bei uns. Und sehen all die schönen Anzeigen und Werbung, für die wir viel Geld kriegen. Den Medien geht es ums Geld. Sie machen die einfache Rechnung: Je mehr News, desto mehr Leser, desto mehr Werbung, desto mehr Einnahmen. Das heisst, der Inhalt spielt nicht so eine Rolle, sofern ihn möglichst viele Menschen lesen. Deshalb wird auch der kleine Pizzabäcker (53) zur wichtigen Informationsquelle. Umgekehrt formuliert: Egal wie (nüchtern betrachtet) sinnlos ein Artikel ist, solange der dumme Leser ihn anschaut, haben wir gewonnen. Zu welchen Exzessen dies führen kann, hat uns diese schlimme Katastrophe laut vor Augen gemalt...

Was können wir dagegen machen?

Ein Kampf gegen die Medien ist wie ein Kampf gegen Windmühlen, wie schon ein gewisser Spanier vor Jahrhunderten herausfand. Egal, was man macht, über kurz oder lang ist man auf der Verliererseite (wie schon Philipp Hildebrand herausfinden musste: Wikipedia), egal wie sehr man im Recht ist. Das heisst, wir müssen die Medien dort treffen, wo es ihnen wehtut: Beim Geld. Sensationsjournalimus funktioniert nur, wenn Menschen es lesen. Unter anderem als Konsequenz aus der Berichterstattung über den Absturz haben verschiedene Geschäfte in Deutschland die Initiative ergriffen und verkaufen gewisse Presseerzeugnisse nicht mehr (Bildblog).

Wenn man nun aber diese Zeitungen sowieso nicht liest, sich aber auch nicht mit Pressemitteilungen mit Bildern (20min) zufrieden geben möchte, der kann guten Journalismus durch ein Abonnement unterstützen (denn dann braucht es keine effektheischenden Schlagzeilen mehr, um Geld zu generieren). Oder man macht sich seine eigene Zeitung mittels Diensten wie Feedly.com, welche mir meine Quellen (Blogs, Homepages, Newsdienste) zusammenstellt und dann als Zeitung am Bildschirm präsentiert.

Schlussendlich: Egal wie wichtig es (in meinen Augen) ist, über das Weltgeschehen informiert zu sein, lasst uns unsere eigene Würde nicht nehmen!

Update 14. April 2015

Die Westdeutsche Zeitung hat zum erwähnten Artikel des Bildblog Stellung genommen und auf Bildblog einen Gastbeitrag (Bildblog) veröffentlicht. Wie es sich für eine Zeitung gehört, ein sehr guter Beitrag, der auch einige Aufklärung über den Redaktionsprozess innerhalb der Zeitung gibt. Er beginnt mit

Soll ich mal sagen, wie es sich anfühlt, wenn man die eigene Zeitung als Deppen-Medium im BILDblog zitiert findet? Es ist Mist.

Im Artikel ist auch erwähnt, dass sich beim deutschen Presserat wenige Tage nach dem Unglück bereits 400 Beschwerden angesammelt haben - ein (leider) gutes Zeugnis davon, dass es den Menschen nicht egal ist, wie berichtet wird. Und davon, dass viele Medien auf der Jagd nach Krokodilen die Grenze überschritten haben.

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