Erdbeben - Bericht vom Hilfseinsatz

Vielen Dank für all die Ermutigenden Rückmeldungen, die wir auf unsere Ankündigung des Hilfseinsatzes letzte Woche erhielten. Wir durften erleben, wie viele Menschen für uns gebetet haben, trotz vieler Autobahnkilometer und harter Arbeit wurden wir vor Unfällen verschont und hatten gute Begegnungen mit Menschen im Krisengebiet. Seit Montag-Nacht sind wir wieder zurück und versuchen, uns wieder an den Alltag zu gewöhnen - was nicht ganz einfach ist. Wir haben viel Leid gesehen, was sich erst langsam bei uns setzt.

Ich habe während der Woche ein Tagebuch geführt und möchte versuchen, euch Anhand dieser Notizen durch unseren Einsatz zu führen.

 

Ich habe für die ÜMG viele Fotos gemacht, die ich zu einem späteren Zeitpunkt natürlich auch mit euch teilen möchte. Im Moment möchten wir zuerst eine Präsentation erstellen, die in den Gemeinden gebraucht werden kann. Daher nur einige einzelne Impression, mehr wird später folgen.

Dienstag, 22. März

IMG_4874Nachdem wir am Nachmittag vorher die beiden Van's vollgepackt hatten (einen davon sogar zweimal, da das Gewicht die Räder zu sehr in die Knie zwang), waren wir am Dienstag bereit für einen frühen Start: um 4.00 Uhr fuhren wir ab. Unsere Route führte auf der möglichst direktesten Linie nach Hakodate, wo die Fähre auf uns wartete. Über den Pass dazwischen hatten wir frischen Schnee auf der Strasse, aber wir kamen gut bei der Fähre an. In Hakodate gelang es uns auch, einen spezielle Pass von der Polizei zu erhalten, der uns als Hilfslieferung auszeichnet. Dadurch mussten wir keinen Autobahnzoll bezahlen und sie liessen uns überhaupt erst ins Krisengebiet fahren.

Am Abend um 19.00 kamen wir in Morioka (Karte), der ersten Station an, wo wir Martin und John, unsere zwei Erkundungsmitarbeiter, treffen sollten. Dank iPhone-GPS fanden wir den Treffpunkt und später die Kirche, in der wir übernachten durften.Dort zeigten uns Martin und John erste Bilder aus der Region und teilten uns mit, dass wir vor Ort in einer anderen Kirche als ursprünglich geplant wohnen würde - ohne Wasser und Strom.

Mittwoch, 23. März

In der Nacht wurden wir vom ersten von den täglichen Nachbeben geweckt. Es fühlte sich an wie ein Schnellzug, der direkt neben unserem Kopf vorbeifährt. Aber es hatte "nur" Stärke 6.3 auf der Richterskala...

Um 6 Uhr ging es los, über frisch mit Schnee überzuckerte Hügel in Richtung Küste. Man hätte meinen können, man sei in der Schweiz. Aber bald nachdem wir uns der Küste genähert hatten, änderte sich das Bild radikal. Links und rechts von der Strasse sahen wir Treibgut und weggespülte Autos. Bei unserer Fahrt durch Kamaishi (Karte) entdecken wir, dass sämtliche Erdgeschosse über- und zum Teil weggespült wurden. Über der Stadt selber hängt der Geruch von Müll, durch Temperaturen unter dem Gefrierpunkt nur leicht gehemmt.

Wir fahren als erstes zu einer Notunterkunft in Otsushi (Karte), wo wir Überlebenden begegnen. Ihre erste Frage: "Habt ihr Unterwäsche?" Die Stadt selber ist praktisch nicht mehr existent, über die Hälfte der 16'000 Einwohner starben. Von der Strasse aus sehen wir ein riesiges Trümmerfeld, alles ist dem Erdboden gleichgemacht, einzig einzelne Häuser stehen noch - wenn auch nicht am richtigen Ort.

IMG_4972Nach dieser ersten Begegnung mit dem Tsunami kehren wir zurück nach Kamaishi, wo wir vor der Kirche auf den Prediger und einigen andere Menschen treffen, die sich um ein Feuer im Fass wärmen. Mitten zwischen mehreren zerstörten Autos und Schutt haben sie sich Bänke aus der Kirche geholt und tauschen dort über ihre Erlebnisse aus - 10 Tage nach dem Erdbeben. Die Kirche selber ist im Erdgeschoss ein Trümmerfeld: Bibeln, Bänke, halbe Bäume und Feuerwehrjacken mittem im Schlamm. Bis am Abend schaffen wir es, zumindest das Gröbste rauszutragen und die Kirche sieht wieder einigermassen aufgeräumt aus.

Während wir so helfen, kommen immer wieder Nachbarn vorbei, die unsere Hilfe brauchen. Viele sind ältere Menschen, die die schweren Möbel, die sich in ihrem Haus übereinander türmen, nicht voneinander trennen können. Es braucht viel Fingerspitzengefühl, den Müll auf die Strasse rauszuschaffen. Vieles davon sind den Menschen liebgewordene Sachen, die sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr gebrauchen können.

Nachdem die Sonne untergegangen ist, wird es gespenstisch ruhig in der Stadt. Da Strom und vielerorts Wasser fehlt, wohnen viele Menschen nach wie vor in der Notunterkunft, wohin sie nun zurückkehren. Wir haben dank einem Generator Strom und Licht, aber um 21 Uhr ist auch für uns höchste Bettzeit.

Donnerstag, 24. März

IMG_5080Ein Gemeindeglied möchte unsere Hilfe, um zumindest den Eingang zu ihrer Wohnung freizuschaffen. Sie wohnt im ersten Stock in einem mehrstöckigen Gebäude in der Nähe des Hafens. Das Gebäude selber steht noch - im Gegensatz zu vielen Gebäuden ringsherum. Sie erzählt uns, dass das Nachbarshaus von der Welle rund 100 Meter weit weggetragen wurde. Als die Welle sich wieder zurückzieht, trägt sie das Haus wieder an praktisch diesselbe Stelle zurück.

Wir helfen ihr, die Aussentreppe und den Eingangsbereich freizuschaffen. Viel Treibgut und umgestürzte Möbel. Anschliessend helfen wir ihrem Schwager, ein Weingeschäft im Erdgeschoss freizuräumen. Eine anspruchsvolle Arbeit, man darf dabei gar nicht an die losen Decken(Boden-)Platten über unseren Köpfen denken. Inmitten der Trümmer finden wir neben toten Fischen auch angefangene Praline-Packungen: Wer möchte das letzte Praline?

Auf der anderen Strassenseite beobachte drei Jungs und ihre Mutter, wie ein Bagger mit Greifzange die Trümmer ihres Hauses Stück für Stück auf die Seite räumt. Immer wieder muss der Bagger stoppen und die Mutter zeigt auf Bilder oder Rucksäcke, die sich behalten möchte. Was für ein Leid.

Währenddessen haben andere Mitglieder des Teams eine Suppenküche aufgebaut und servieren Curry-Reis an die Menschen. Viele sind froh um die warme Mahlzeit und wärmen sich an unserem Feuer. Nach dem Essen versuchen wir, mit dem Auto den restlichen Reis an andere Menschen zu verteilen, haben aber keinen Erfolg. Viele haben schon gegessen. Grundsätzlich merken wir, dass zumindest die Nahrungsversorgung wieder einigermassen funktioniert, sie haben genügend in den Notunterkünften - aber natürlich gibt es in der Stadt keine Geschäfte, in denen man etwas kaufen könnte.

Freitag, 25. März

Wir verlassen unser "Heim" in Kamaishi und fahren weiter nach Ofunato (Karte). Diese Stadt ist gewissermassen dreigeteilt. Es gibt die total verwüsteten Teile, wo nur noch meterhohe Trümmerhaufen sind. Dann gibt es Teile, die "einfach" geflutet wurden und alles mit einer dicken, stinkenden Schlammschicht bedeckt ist. Und dann gibt es unberührte Stadtteile, die zum Teil sogar Strom haben. Die kleine Kirche in Ofunato, unser Ziel des Tages, gehört zur mittleren Kategorie. Sie wurde übermannshoch geflutet und alles durcheinandergewirbelt, ist aber grundsätzlich noch intakt.

IMG_5212Vor der Kirche treffen wir den Pastor, der monatlich zum Predigen vorbeikommt. Zusammen mit zwei anderen Helfern beginnen wir, den Schlamm wegzuschaffen und alles rauszuräumen. Wir beschliessen, diese Kirche zum primären Objekt unserer Hilfsarbeit zu machen und entfernen auch die Gipswände und die feuchte Isolation, um die Kirche in den kommenden Wochen wieder herzurichten. Während wir dort arbeiten, kommen immer wieder Nachbarn vorbei, die ebenfalls um unsere Hilfe froh sind. Viele der Nachbarn kennen sich kaum, aber die Not bringt sie zusammen und man hilft sich, wo man kann.

Am Spätnachmittag verlassen wir die Stadt, da wir weiter im Landesinneren, in Tono (Karte), von nun an eine zentrale Unterkunft haben werden. Dort konnen wir zum ersten Mal duschen und in gut geheizten Räumen hausen. Eine Wohltat.

Samstag, 26. März

Wir kehren zur Kirche in Ofunato zurück. Obwohl es schneit und leicht regnet, beschliessen wir, die Suppenküche aufzubauen. Als eine Frau (von den 4 Gemeindemitgliedern) von unseren Plänen erfährt, legt sie sofort los und lädt sämtliche Nachbarn zum Essen ein. Einige folgen der Einladung und es kommt zu guten Begegnungen. Sie tauschen sich aus und geben einander Ratschläge, was als nächstes getan werden sollte und wie man wieder zu Wasser kommt und was man mit dem weggespülten Fahrzeug machen soll und vieles mehr.

IMG_5310Zusammen mit zwei anderen Teammitgliedern fahren wir am Nachmittag zu einer Bekannten des Gemeindemitglieds. Ihr Haus wurde ebenfalls total überspült und wir werden mit vom Schlamm total überspülten Räumen konfrontiert. Während mehrern Stunden räumen wir unzählige Bücher, Möbel und Haushaltsgegenstände auf die Strasse raus. Dabei kommen immer wieder Sachen zum Vorschein, die sie behalten möchten: Fotos, Urkunden und interessanterweise auch eine Bibel, die sie erhalten hat. Sie sei zwar nicht gläubig, könne die aber doch nicht einfach wegwerfen, meint sie. Als ich den Kühlschrank öffne, kommt mir ein Schwall fauliger Luft entgegen. Ich bin nicht unglücklich, als wir nachher unsere Arbeit unterbrechen müssen und wir zur Kirche zurückkehren - ganz im Gegensatz zu den Menschen, die in ihrem Heim zurückbleiben müssen...! Wir gehen später noch einmal vorbei, um mit vereinten Kräften ein Klavier auf den Müll rauszutragen - das dritte in dieser Woche, vollgesaugt mit Wasser.

Auf dem Heimweg zu unserer Unterkunft fahren wir noch durch die am stärksten verwüsteten Teile Ofunatos. Erschreckend.

Sonntag, 27. März

Wir bereiten uns für die Rückkehr nach Sapporo vor. Einige der Hilfsgüter konnte wir noch nicht verteilen, wir lassen sie in der Basis zurück. Anschliessend fahren wir nach Kesennuma in einen Gottesdienst. Unterwegs kommen an einem Ort (Takekoma, Karte) vorbei, das rund 5 Kilometer von der Küste an einem Flusslauf liegt. Alles ist verwüstet, Bagger kämpfen sich durch den Schutt. Hier hatte niemand mit einem Tsunami gerechnet.

IMG_5389In Kesennuma (Karte) bietet sich das, mittlerweile, bekannte Bild: Dreigeteilte Stadt, einige der Hauptverkehrsachsen sind unpassierbar. Der Unterschied ist, dass es im verwüsteten Gebiet grossflächig gebrannt hat und alles schwarz ist. Wird das je wieder aufgebaut werden?

Die Kirche selber befindet sich auf einem Hügel. Es hat in der Stadt schon früher Tsunamis gegeben und die Gemeinde wurde an einem sicheren Ort gebaut. Die Gemeinde trifft sich an diesem Sonntag zum ersten Mal seit dem Erdbeben. Einige Familien haben alles verloren, aber es kommen ihnen die Tränen, dass sie dennoch im Gottesdienst dabei sein können.

Nach dem Gottesdienst machen wir uns auf den Rückweg nach Morioka, wo wir wieder ein derselben Kirche übernachten werden. Da wir bereits am Spätnachmittag ankommen, dürfen wir uns in einem Onsen (heisse Quelle) gründlich einweichen und sauber waschen. Nach dem Abendessen folgt eine Teambesprechung und Auswertung des Einsatzes. Fazit: Wir waren zur rechten Zeit am rechten Ort.

Montag, 28. März

IMG_5428Heimreise, die Fähre verlässt Aomori um 10 Uhr. Während den vielen Autobahnkilometern erleben wir mehrmals Bewahrung: Am Anfang schneit es und die Strasse ist sehr rutschig. Später in Hokkaido werden wir von einem rasanten Lastwagen beinahe von der Autobahn geschoben. Und kurz vor Sapporo rase ich auf der Überholspur direkt in eine Styroporbox. Gott sei Dank ist sie leer, aber die Überreste bleiben unter dem Auto hängen.

In Nanae treffen wir noch auf ein anderes Team, welches auf dem Weg ins Krisengebiet ist. Wir tauschen uns kurz aus und geben Ratschläge. Von überall her kommen immer wieder Christen ins Krisengebiet, um bei der Grundversorgung und beim Wiederaufbau zu helfen. Wir hoffen und beten, dass ihr Einsatz Früchte für die Ewigkeit tragen darf.

Um 20 Uhr treffen wir endlich zu Hause ein. Müde und erschöpft und voller undefinierbarer Emotionen. Aber glücklich, wieder bei den Geliebten sein zu können.

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